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Aufarbeitung der „Heimkinder“-Schicksale: Nicht über, sondern mit Betroffenen sprechen

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat die vor sechs Jahren begonnene historische Aufarbeitung der Geschichte der Heimkinder in der Nachkriegszeit vorläufig abgeschlossen. Die Arbeitsgruppe stellte den vorläufigen Abschlussbericht auf der Frühjahrtagung 2018 der Kirchensyonde vor.

Im Nachgang zur öffentlichen Bitte um Verzeihung von evangelischer Kirche und Diakonie an die so genannten „Heimkinder“ aus dem Jahre 2011 hatte sich die hessen-nassauische Kirche um intensive Hilfestellungen für Betroffene bemüht. Im Zentrum standen auch vertiefte historische Recherchen, um als Institution selbst mehr über die Rolle der Heime und die Situation der „Heimkinder“ zu erfahren.

Erlittenes Unrecht anerkennen

Besonders wichtig sei es der Kirche dabei gewesen, den Betroffenen individuelle Unterstützung beim Auffinden biographischer Daten oder der Aufarbeitung ihrer Geschichte zu gewährleisten, wie die Arbeitsgruppe Heimerziehung am Donnerstag (26. April) vor der in Frankfurt am Main tagenden Synode berichtete. Dieses Angebot bestehe auch weiterhin. Nach Worten der mit der Aufarbeitung beauftragten Darmstädter Historikerin Anette Neff war das „Anliegen dabei nicht über, sondern mit Betroffenen zu sprechen und zuzuhören“. Den „Heimkindern“ ist nach Worten der EKHN-Mitarbeiterin dabei die institutionelle Anerkennung des erlittenen Unrechts ebenso wichtig gewesen wie das Wiederfinden der eigenen Geschichte. Neben individuellen Hilfestellungen sei im Rahmen der Aufarbeitung auch ein Heimkataster entstanden, wurden pädagogische Materialien entwickelt und sei eine Ausstellung über die Situation der Heimkinder von 1945 bis 1975 in Vorbereitung.

Rolle der Medizin beleuchten

Darüber hinaus wurde im vergangenen Jahr ein Dokumentarfilm in Auftrag gegeben, der sich mit der Situation der evangelischen Kinderheime in der Nachkriegszeit auseinandersetzen sollte. Die Wiesbadener Filmemacherin Sonja Toepfer hat sich in ihrem Werk vor allem mit der Rolle der Medizin in Heimen beschäftigt. Bei den Recherchen zuvor war deutlich geworden, dass auch Medikamentengaben in den Gesprächen mit „Heimkindern“ erwähnt wurden. Für ihren durch die hessen-nassauische Kirche in Auftrag gegebenen Film hat Toepfer Betroffene befragt und zugleich ehemalige Erzieherinnen und Erzieher, Verwaltungsmitarbeitende sowie Ärzte und Ärztinnen interviewt. Entstanden ist eine eindrückliche Schilderung der Rolle der Medizin in der Heimsituation in den Nachkriegsjahren, die es so bisher nicht gab. Sie war geprägt von einer vielfachen Überforderung des Personals oder Ärzten, die teilweise die Denkmuster des Nationalsozialismus nicht abgelegt hatten. Bevor der Film am 25. Juni in Frankfurt der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll, wird er zuvor im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung ehemaligen „Heimkindern“ gezeigt und mit ihnen diskutiert.

Folgerungen für pädagogische Arbeit ziehen

Der Dokumentarfilm lenke neben der Frage nach der historischen Aufarbeitung den Blick auch auf die heutige Heimsituation und die Entwicklung von Kinderrechten und einer modernen Pädagogik, erklärte die Projetleiterin zur Aufarbeitung der Heimkinderschicksale, Petra Knötzele. Die Juristin und Leiterin des Referats Personalrecht in der EKHN sieht „die Notwendigkeit von guter personeller und fachlicher Ausstattung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die Unabdingbarkeit eines von Respekt geprägten Menschenbilds und der Sensibilität im Umgang mit Schutzbefohlenen“. Dies gelte für die Arbeit in Kindertagesstätten ebenso wie in stationären Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, aber auch in der Behinderten- oder Altenhilfe. Die bei der Aufarbeitung zu Tage getretenen Ergebnisse machen nach Knötzele klar, dass „ohne Partizipation, ohne Beschwerdemöglichkeiten, ohne das Sensibilisieren für Grenzen oder Grenzverletzungen das Anerkennen expliziter Kinderrechte und Kinderschutz nicht möglich ist.“ Der Film und die weiteren Materialien sollen deshalb künftig sowohl Trägern von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe als auch Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden.


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